Würde man mich nach meinen Lieblingsmusicals fragen, würde ich drei Stück nennen: Das Phantom der Oper, Chess - und Dracula. Die ersten beiden sind relativ bekannt (vor allem das Phantom), aber Dracula scheint eher unter dem Radar zu laufen. Was auch damit zusammenhängt, dass die englische Version ein Flop war. Ich habe sie mir mal angehört und kann das auch ein wenig nachvollziehen, denn sie klingt irgendwie kitschig und die Texte wirken auf deutsch, in der Übersetzung, natürlicher als im Original - ich verteidige lyrisch ja fast immer die englische Sprache, dies ist ein seltenes Beispiel für das Gegenteil.
Grundsätzlich brachte ich diesem Musical eine gehörige Portion Skepsis entgegen. Für mich lief es unter einem - wie mir gesagt wurde - Scherz im Musical-Business, wonach es von allem ein Musical gibt. Ja, auch davon. So konnte ich mir die Handlung von Dracula überhaupt nicht in dieser Form vorstellen. Nach kurzem Reinhören wandte sich das aber in volle Begeisterung. Ich liebe die Texte, Sänger und die Musik. Dazu mische man noch eine klasse Bearbeitung der Vorlage, welche ein brillantes Wechselspiel zwischen der klassischen Versuchung und der eigentlich ethisch richtigen Antwort darstellt, und man erhält ein wunderbares Kunstwerk. Vor allem imponierte mir dabei die Qualität der Lieder. Normalerweise hinterlassen Musicals einen ähnlichen Nachgeschmack wie viele Alben. Zwar gibt zwei oder drei Höhepunkte, der Rest besteht jedoch eher aus mittelmäßigem Geplätscher. Schaue ich mir zusätzlich die gesamte Handlung an, fügen sich die Lieder zumindest in diese ein, höre ich mir jedoch nur den Soundtrack an, verfällt dieser Vorteil. So überraschte mich, dass ich nicht nur stets andere Lieblingslieder in diesem Musical entdecke, sondern mir auch durchweg das gesamte Stück anhören kann. Trotzdem bin ich nicht hier, um nur zu loben. Vielmehr geht es mir darum, die kleinen Schnitzer dieses ansonsten gelungenen Werkes zu bemängeln.
Insgesamt missfallen mir zwei Dinge, wobei sich eines davon an zwei Stellen äußert, grundsätzlich handelt es sich aber um denselben Fehler. Das gesamte Musical handelt von Versuchung, der Graf fasst es kurz vor Ende mit "Du bleibst für immer jung und schön" zusammen. Problematisch wird es nun, wenn eine der Figuren dieser nachgibt, denn dann befinde ich mich faktisch in einer anderen Geschichte. Man kann darüber genauso etwas erzählen, darf dann aber nicht weiter die Frage stellen, ob man dem Verführer erliegt. Aber genau das wird an zwei Stellen getan. Erst gibt Jonathan den Vampirbräuten nach, übrigens nach einem wunderschönen Duett mit seiner Verlobten, was einerseits die Figur unliebsam macht und andererseits die gesamte Intention des Werkes gefährdet. Aber auch seine Frau Mina gibt Dracula später nach. Dabei sollte sie eigentlich bis zum Ende zweifeln, ob sie dem Grafen folgen soll oder nicht. Vor allem stört mich immer wieder daran, wie einfach diese zwei Stellen zu beheben sind, man schneidet maximal zwei Minuten an Musik und repariert das gesamte Stückt.
Dann kommt natürlich das Ende. Kurz zuvor singt der Graf noch mit der Inbrunst der Überzeugung "Ein Leben mehr und du entkommst dem kühlen Grab/ brauchst kein Gebet, steigst nicht ins Totenreich hinab/ spart euch den Psalm, weint einem anderen hinterher/ denn die Gnade, die ich gewähr', wiegt unendlich mehr/ Ein Leben mehr!" Daraufhin wird er in "Je länger ich lebe" plötzlich, ohne jede Motivation, melancholisch und wünscht sich im Finale letztendlich den Tod. Somit widersteht Mina nicht der Verführung, der Verführer hat einfach seine Lust verloren.
Alles in allem ist Dracula trotzdem ein markantes Musical, bis auf diese Stellen genieße ich es immer wieder gerne. Dann konzentriere ich mich einfach auf die Musik und die Sänger und ignoriere die eigentliche Handlung.
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Mittwoch, 20. Januar 2016
Samstag, 29. August 2015
Kurzkritik: Dracula - Bram Stoker
Hören Sie die Kinder der Nacht? Was für Musik sie machen!1An dieser Stelle muss ich einmal etwas gestehen: "Dracula" ist einer von zwei Romanen, die ich zwar angefangen, aber nie zu Ende gelesen habe. Der andere ist der vierte Band der "Per Anhalter durch die Galaxis" - Reihe. Zu meiner Verteidigung: Letzteres wurde mir vom Autor selbst auf der Seite angeboten.
Offensichtlich ist es mir nun gelungen, diesen Klassiker des Horrorgenre zu vollenden. Man versteht nach der Lektüre sofort, warum Stoker einen Klassiker geschaffen hat. Man kommt nicht umhin, seine Fantasie von diesem Roman beeinflussen zu lassen und möchte selbst in diesen Mythos eintauchen. In diesem Sinne trifft der Begriff voll und ganz zu. Leider trifft das nicht durchgängig auf die Qualität des Briefromans zu. In meiner Wahrnehmung gibt es nur einen Teil, der über allen Zweifeln erhaben ist. Dabei handelt es sich um die ersten 70 Seiten, in denen Jonathan Harker, einer unserer Protagonisten, im Schloss Dracula nächtigt und en passant die grundlegendsten Eigenschaften des Nosferatu, also Vampirs, darlegt. Sowohl in meiner Erinnerung meines ersten Versuches als auch beim erneuten Lesen, blieb mir diese Stelle am besten im Gedächtnis. Der Aufbau der Atmosphäre ist makellos und erzeugt eine unvergleichliche Erfahrung. Wenn die Szenerie sich nach London verschiebt, flacht das ganze etwas ab. Es ist nicht wirklich schlecht, es fehlt aber das Gefühl der Dringlichkeit, schließlich beschäftigen wir uns gut 100 Seiten mit den drei Verehrern von Lucy Westenra, bevor die Ankunft des Grafen uns aufschreckt.
Den letztendlich schwersten Fehler beging Stoker aber mit einem Fehlgriff im Stil. Das Werk ist, wie gesagt, ein Briefroman und besteht vornehmlich aus Tagebucheinträgen. Allerdings fehlt jedem Autor ein individueller Stil, sodass Mina genauso schreibt wie ihr Mann Jonathan oder Dr. Seward. Das mag funktional sein, dadurch geht aber entscheidend Atmosphäre verloren, denn der Kunstgriff scheint nicht vollends durchdacht zu sein, wodurch sein Effekt nicht vollends ausgenutzt werden kann.
So sollte Dracula zusammen mit Frankenstein und Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde als Klassiker des Horrorgenre angesehen werden, obwohl gewisse Abstriche im Stil gemach werden müssen, die sich entscheidend auf die Atmosphäre auswirken.
1Bram Stoker, Dracula S.30
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