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Donnerstag, 14. Januar 2016

Der Dunkle Turm 3: tot. - Stephen King

"Töte , wenn du willst, aber befiehl mir nichts!" brüllte der Revolvermann. "Du hast die Gesichter deiner Erbauer vergessen! Töte, oder schweig und hör mir zu, mir, Roland von Gilead, Sohn von Steven, Revolvermann und Lord der alten Länder! Ich bin nicht jahrelang und meilenweit gereist, um mir dein kindisches Plappern anzuhören! Hast du verstanden! Und jetzt wirst du MIR zuhören!"1
Erstmals betreten wir auf dem Weg zum Dunklen Turm ein für mich unbekanntes Gebiet, was sich praktisch daraus ergeben hat, dass meine lokale Bibliothek genau diesen Band nicht auf Lager hatte. Im Nachhinein handelt es sich dabei wohl um eine Schande, denn gerade mit diesem Buch schafft King es, mich fast völlig für diese Reihe einzunehmen. Wenn ich zuvor noch gezweifelt hätte, ob ich die Serie bis zum Ende lesen möchte, wäre an dieser Stelle Schluss mit solchen Überlegungen.

Nachdem Roland seine Gefährten im Vorgänger "gezogen" hat, kann er sich mit seinem neuen Ka-tet die Suche nach dem Dunklen Turm mit vollem Elan angehen - fast.

Wie schon in Drei lässt King seinen Protagonisten nicht ohne Weiteres davon kommen. Wie er zuvor direkt zu Beginn auf die Monsterhummer traf, muss Roland dieses Mal mit den Konsequenzen seiner Handlungen am Ende des zweiten Romans kämpfen. Er entschied sich, die Abläufe in unserer Welt zu verändern, indem er Jake vor dem "Schubser", Jack Mort (übrigens französisch der Tod, deswegen zieht der Mann in Schwarz im Tarot auch die Karte des Todes2), rettet. Ich dachte noch, dabei handle es sich nur um eine Beruhigung von Rolands Gewissen, ohne aber größere Relevanz zu haben. Vielmehr schien es mir darum zu gehen, sowohl die Medizin als auch Munition aus unserer Welt zu besorgen. Stattdessen tormentiert der Autor seine Figur gnadenlos. In seinem Kopf konkurrieren nun zwei verschiedene Varianten der Vergangenheit, wobei er nicht entscheiden kann, welche denn nun die Realität darstellt. Das ist für mich eine faszinierende Variation des Zeitparadoxon, denn normalerweise scheint sich die Realität entweder problemlos anzupassen oder sorgt für den gewohnten Ablauf der Ereignisse.

Noch besser wird das ganze, wenn man erfährt, dass auch Jake unter diesen Problemen leidet. Dabei sind die Auswirkungen bei ihm deutlich massiver, denn er ist nur ein normaler Junge und kein durch etliche Abenteuer gestählter Revolvermann. Durch die Neueinführung von Jake löst King ein von mir bei Drei angesprochenes Problem: Dort schien es noch so, als glaube der Autor selbst, mit Susannah sei die dritte Person des Ka-tet gezogen, jetzt wird aber deutlich, dass dies nur Rolands fehlerhafte Auffassung war. So wird nun alles daran gesetzt, den Jungen nach Mittwelt zu ziehen. Dabei stoßen wir auf ein anderes Problem, das ich bei der Besprechung von Schwarz ansprach. Die emotionale Bindung zwischen Roland und Jake wurde in diesem Roman nur mangelhaft aufgebaut, es schien damals eine charakterkonforme Handlung für Roland zu sein, den Jungen in den Abgrund fallen zu lassen. In tot. plagten ihn auf einmal Schuldgefühle deswegen und er verspricht ihm, dies nie wieder zu tun. Die Szene an und für sich ist gut, verweist emotional jedoch für den Leser auf ein Loch, sodass er den Figuren nicht ganz folgen kann. Man kann es so ausdrücken: Der Kopf weiß, was der Autor will, das Herz kann das nur nicht ganz nachvollziehen.

Endlich löst King auch den Hauptkritikpunkt, den ich bisher in diesen Rezensionen entwickelt habe. Der Formlosigkeit der Welt wird entgegengewirkt. Augenscheinlich wird diese Welt von sechs Balken gehalten, deren zwölf Enden jeweils einen Wächter aufweisen. Weiterhin befindet sich in der Mitte, wo sich alle Balken treffen, der Dunkle Turm. Schritt für Schritt erfahren wir etwas über diese Welt und können uns etwas darunter vorstellen. Wir treffen sogar einen der Wächter, Shardik, den Bären, welcher in einen Kampf mit dem Ka-tet gerät. Bei ihm handelt es sich um einen Cyborg, was einerseits für später relevant ist und andererseits die These stützt, Mittwelt sei eine mögliche Zukunft unserer Welt. Allerdings gibt es in dieser Welt auch Dämonen, sodass ich immer noch nicht ganz sicher bin, wie die in Schwarz eingeführten Anspielungen ans Christentums ins Bild passen sollen. Übrigens führt der Dämon, der den Übergang, den Jake aus unserer Welt in die Rolands nehmen soll, zu einer etwas unangenehm zu lesenden Szene, denn Susannah muss ich sexuell bereitstellen, um den Dämon zu beschäftigen. Zumindest ist das ganze Geschehen plotrelevant.

Spätestens in Lud erfährt man durch die Reaktion der Bewohner, ihren devoten Respekt, mehr über die Revolmänner, als King bisher in Worte packen konnte. Aber auch für das große Finale etabliert einen interessanten Aspekt: Die Welt Rolands hält Rätsel für wichtig - sehr wichtig. Wer ein großer Rätselmeister war, dem gebührte Ansehen; jeder Jahrmarkt beinhaltete einen solchen Wettbewerb. Das ist einerseits eine nette historische Tatsache. Im Mittelalter waren gerade Rätsel als Zeitvertreib und Schärfung des Denkens beliebt. Andererseits wird hier umsomehr deutlich, worauf gerade bei Revolvermännern Wert gelegt wird.

So wirkt der Antagonist am Ende völlig natürlich. Blaine, der Mono, ist ein computergesteuerter Zug, der sich aufgrund seiner Einsamkeit selbst zerstören möchte. Allerdings kommt er nicht umhin, seine überlegenden Fähigkeiten zu demonstrieren, was er leidenschaftlich gerne durch Rätsel tut. So gehen er und Roland einen Pakt ein: Wenn das Ka-tet ihm ein Rätsel stellt, dessen Lösung ihm nicht möglich ist, muss er sie freilassen. Gelingt ihnen das nicht, sterben sie mit Blaine. Und dann endet der Roman.

Damit stellt King sich in beste Gesellschaft, wie König Ödipus und Der Kleine Hobbit, um nur zwei Beispiele zu nennen. Hiermit betritt er das Gebiet der klassischen Geschichte, gibt diesem End"kampf" etwas Erhabenes und basiert nun alles darauf, ob seine Figuren schlau genug sind, Blaine zu überlisten. Dazu kommt noch der brutale Cliffhanger. Ich habe natürlich leicht reden, konnte ich doch einfach ein paar Wochen später auf mein Regal greifen und hatte Glas in Händen. Leser, die der Originalveröffentlichung folgten, mussten ganze sieben Jahre auf die Auflösung warten. Nachdem er es also geschafft hat, seiner Geschichte den Hauch der Epik zu geben, ließ er nun die Leser warten.

Davor gibt es noch ein paar Zwischenspiele. Jake wird vom "Tick Tack Mann" entführt, die Situation wird von Roland aber relativ sauber entschärft. Die Gruppe trifft auch einen Billybumbler, ein Tier dieser Welt, der fortan Oy heißt und als Maskottchen der vier erscheint. Der Fokus bleibt trotz dieser Ablenkungen aber auf dem konsequenten Ausbau der Bedeutung von Rätseln in dieser Welt und dem Höhepunkt der Vorbereitung des Rätselduells.

Alles in allem ist tot. also ein guter Roman, der am Ende sogar am großartig kratzt, definitiv aber einen äußerst faszinierenden Aspekt anspricht. Während Drei zumeist durch seine schnell Erzählung die fehlenden Anhaltspunkte für den Leser überspielte, fühlt man sich in der Welt von tot. wohl - so wohl man sich einer Welt fühlen kann, "die sich weitergedreht hat". Damit im Rücken sind wir dem Turm wieder einen Schritt näher gekommen.

1Stephen King, tot. S.600
2"Aber nicht für dich, Revolvermann!"

Dienstag, 12. Januar 2016

Harry Potter und die Kammer des Schreckens - J.K. Rowling

Es sind nicht unsere Fähigkeiten, Harry, sondern unsere Taten, die zeigen, wer wir sind.1
Nach einiger Zeit widmen wir uns wieder dem Zaubererlehrling und seinen weiteren Abenteuern. Weiterhin sollte ich achtgeben, dass diese mit den Büchern vergleichbar kurzen Rezensionen nicht in der selben Zeitspanne erscheinen wie die Romane selbst.

Harry verbringt seinen Sommer bei den Dursleys. Obwohl er ein deutlich besseres Leben als noch vor einem Jahr führt und er erfahren hat, dass er ein Zauberer ist, ist seine Stimmung an einem Tiefpunkt. Er hatte gedacht, er habe in Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei, zwei wahre Freunde gefunden, jedoch scheint sich von diesen beiden keiner dazu herabzulassen, ihm über die Ferien zu schreiben. Er selbst darf seine Eule Hedwig auf Anweisung seines Onkels nicht herauslassen. Zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, als er eigentlich so tun soll, als gäbe es ihn nicht, trifft er die Grund dieser Briefstille: ein Hauself namens Dobby möchte Harry unter allen Umständen davon abhalten, Hogwarts erneut zu besuchen, da in diesem Jahr dort schreckliche Dinge geschehen sollen. Und so soll das zweite Jahr beginnen.

Als häufigen Vorwurf wird man wohl lesen, das Buch sei eigentlich nur eine Kopie des ersten Teils, eine Kritik, welche ich nie für nachvollziehbar hielt. Freilich gibt es Parallelen, wobei ich da auf die fast notwendig vorgegebene Struktur hinweisen würde. Wir müssen bei den Dursleys anfangen, die Logik der aufgebauten Welt verlangt es. Hogwarts ist als Schule angelegt, also wird ein Schuljahr in gewisser Hinsicht dem nächsten gleichen müssen, etc.. Für mich ist es einfach immer wieder interessant zu beobachten, wie viele Leute, in Rezensionen und auch anderen Aspekten, sehr gut darin sind, Gemeinsamkeiten zu finden, aber feine Unterschiede nicht erkennen. Mal habe ich gehört, die Philosophie umfasse die Fähigkeit, zu unterscheiden. Damit im Hinterkopf erzählt mir das vieles über dieses Umfeld.

So gibt es zwar strukturelle Ähnlichkeiten, letztendlich erhalten alle bekannten Elemente aber eine Variation. Zwar beginnen wir bei den Dursleys, von dort gelangen wir jedoch in den Fuchsbau, einen für die weiteren Romane interessanten Ort und treffen hier die Weasleys, wenn man so will, in ihrer natürlichen Umgebung. Nach erhalten auch Ginny und Mrs Weasley zum Beispiel, welche zuvor bewusst farblos gelassen wurden, einen gewissen Charakter. Zudem reagieren die Dursleys auf die Vorgänge aus dem vorangegangenen Buch, sodass diese eben nicht in einem Vakuum geschehen. Begonnen wird hier auch der "Running Gag", dass der Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste jeweils nur ein Jahr unterrichtet. Gilderoy Lockhart ist jedoch im Vergleich zu Quirrell eine viel aktivere Figur, gestaltet somit einiges im Hintergrund der Handlung mit und sorgt somit dafür, Hogwarts, zum Leidwesen der Schüler und des Lehrkörpers, mit ein wenig anderem Leben zu füllen. Größter Unterschied ist natürlich der Charakter selbst, der aus den Seiten hervor zu springen scheint, so lebendig selbstverliebt wird er dargestellt, wodurch Quirrell, dem erst im letzten Kapitel des ersten Romans überhaupt Beachtung geschenkt wird, was seine Figur angeht, völlig in Vergessenheit gerät. Angeblich soll die reale Vorlage Lockharts noch arroganter sein, wobei ich mir kaum vorstellen kann, wie das möglich sein soll: ein inkompetenter Blender, der seinen ganzen Erfolg auf den Schultern von anderen aufbaut, denen er ihr Gedächtnis nimmt, gehört meiner Ansicht nach zu einer Niedertracht der besonderen Art.

Interessant ist auch, wie hier die Struktur einer klassischen Detektivgeschichte angenommen wird, welche zuvor eher angedeutet war. Es gibt einen Übeltäter, den es zu überführen gilt, und dazu werden über den Verlauf der Handlung Hinweise gegeben. Diese mögen subtil sein, doch sie sind zweifellos vorhanden. So treffen wir auch hier auf ein Ende, das daraus besteht, die vorhandenen Hinweise in eine kohärente Tat zu verpacken. Dieser Aspekt war es auch, der mich dazu verleitete zu glauben, J.K.Rowlings Der Ruf des Kuckucks werde ein guter Roman sein. Neben einer mittelmäßigen Handlung war es da gerade das Ende, bei dem ich nicht glauben konnte, es mit der selben Autorin zu tun zu haben. Aber das ist ein anderes Thema.

Tatsächlich sollte man die Qualität des zweiten Roman erst mit der Veröffentlichung des Halbblutprinzen zu schätzen wissen. Denn bis zu diesem Roman schien es sich bei Kammer des Schreckens eher um einen Füllroman zu handeln, der zwar äußerst charakterrelevant war, letztlich die große Handlung aber nicht weiterbrachte. Teilweise hängt das wahrscheinlich mit der Originalkonzeption zusammen. Der englische Titel spricht ja auch von einer "Kammer der Geheimnisse", wodurch die Vermutung naheliegt, dass Rowling einiges streichen musste, sodass der deutsche Titel paradoxerweise bis heute schlüssiger klingt.

Doch auch ohne dieses vorgreifende Wissen etabliert dieser Roman einige neue Dinge. Cornelius Fudge hat seinen ersten Auftritt und verrät in dieser kleinen Szene bereits, wie er in einer Krisensituation, wie sie dann später eintritt, reagieren wird: Sich der Mehrheit beugen, einer populären Maßnahme folgen und die richtige nicht erkennen. Genauso wird die Frage geklärt, wie Hagrid von Hogwarts verwiesen wurde.

Allgemein stellt man hier die Eskalation fest, die die ganze Reihe durchzieht, wobei ich direkt hinzufüge, dass ich sie hier am wenigsten gelungen finde. Man geht von einer konkreten Lebensgefahr für Harry, Ron und Hermine zu einer Lebensgefahr für die gesamte Schule. Grundsätzlich ist das gut gedacht, noch stirbt keiner, was in Anbetracht der Hintergrundgeschichte des ersten Öffnens der Kammer schlüssig ist und aus Sicht der Reihe auch erst später, hier konkret in Band vier, passieren sollte. Problematisch wird das nur, wenn wir endlich erfahren, was denn die Schüler angriff: ein Basilisk - ein Wesen, das mit seinen Blicken tötet. Es ist absolut glaubwürdig, wenn wir Harry entkommen lassen. Jedes Opfer durch eine Reihe von Zufällen zu verschonen, lässt den Basilisken völlig inkompetent wirken. Das, oder Dumbledore hat jedem Schüler wohlweislich vor Beginn des Schuljahres eine abgeschwächte, langwirkende Form des Felix Felicis verabreicht.

Im Nachgang ist es faszinierend zu sehen, wie das Hauptthema bereits im ersten Kapitel in den Fokus gerückt wird. Während der erste Teil damit befasst war, Harry klar zu machen, was er ist, basiert der zweite Teil vielmehr darauf, Harrys Entscheidungen zu hinterfragen, also wie er agiert. Er ist ein Zauberer und der Junge, der überlebte, daran kann er nichts ändern. Zwei Aspekte hingegen entschied er selbst: Harry entschied sich einerseits gegen Slytherin und freundete sich andererseits mit Ron und Hermine an. Der Roman befasst sich vor allem mit dem ersten Aspekt, benutzt zuerst aber als Aufhänger einen Zweifel an der zweiten Entscheidung. Der Konflikt mit seinen Freunden wird nicht weiter vertieft, sondern auf die weiteren Bände verschoben.

Was aber den Roman antreibt, ist Harrys Frage, wer er sei. Symbolisch wird das durch Slytherin und Gryffindor dargestellt: Auf der einen Seite, was er als böse und selbstsüchtig sieht und auf der anderen Seite das Vorbild. Dabei wird es vor allem dadurch bearbeitet, ob denn seine Fähigkeiten, also was er ist, dies beeinflussen. Im ersten Roman musste Harry sich von seiner Reputation lösen und eigene Leistung erbringen, denn "Ruhm ist eben nicht alles"2. Die Kammer des Schreckens zwingt ihn dazu, sich zu fragen, ob die Fähigkeiten, die er bei sich entdeckt hat, ihn moralisch in eine bestimmt Richtung zwingen. Im fünften Roman werden wir auf diesen Umstand aus einer anderen Richtung nochmals zu sprechen kommen. Der Roman gelingt über seine relative Kürze ein faszinierende Crecendo. Um eine andere Filmreihe zu zitieren: No fate but what we make.

Das Hörbuch von Rufus Beck bleibt weiterhin über allen Zweifeln erhaben. Der zweite Film von Christopher Kolumbus gehört sicherlich zu den unterhaltsamsten der Reihe. Stylistisch lässt sich hier überhaupt kein Bruch feststellen und Kenneth Branagh fügt sich brillant in den Cast ein. Lediglich das Drehbuch von Steve Kloves lässt ein wenig zu wünschen übrig. Im ersten Teil haben alle drei Figuren, Harry, Ron und Hermine, ihre Charakterentwicklung erhalten und konnten in verschiedenen Momenten glänzen. Im zweiten Film wird klar, dass Hermine Kloves Lieblingscharakter ist, denn die gesamte Intelligenz des Trios ging auf sie über, was dem Film letzten Endes ein wenig schadet.

Alles in allem ist auch der zweite Teil der Harry Potter-Reihe ein empfehlenswertes Buch, begeistert vor allem durch seine Charakterzeichnung und das spannend zu lösende Rätsel.

1J.K.Rowling, Harry Potter und die Kammer des Schreckens, S.343
2J.K.Rowling, Harry Potter und der Stein der Weisen, S.152

Montag, 28. Dezember 2015

1984 - George Orwell

It was a bright cold day in April, and the clocks were striking thirteen.1
Als ich von der vernichtenden Kritik Isaac Asimovs am Roman 1984 von George Orwell hörte, entsprang meinen Gedanken ein Bild, in dem ich diesen Werk zu Hilfe eile und es vor diesem Angriff beschütze, schließlich hätte es vor Jahren einen Platz auf der Liste meiner Lieblingsromane verdient. Ernüchterung breitete sich aus, als ich einerseits Asimovs Kritik las und mir andererseits Orwells Roman nach Jahren nochmals gönnte. Erstere ist gut durchdacht und kritisiert viele Punkte, die ohnehin nie mein Lob erhielten, letzterer ist bei weitem nicht so gut, wie ich ihn in Erinnerung hatte.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Im Jahre 1984 gehört London zum Superstaat Ozeanien, in dem die Partei mit eiserner Hand und konstanter Beobachtung ihrer Mitglieder regiert. Winston Smith ist ein Mitglied dieser Partei, der in sich den ersten leisen Widerstand spürt. Dieser wird aber erst konkret, als er Julia trifft...

Die Kritik ist in vier Teilen verfasst, wobei uns der erste nur, welcher einige biografische Notizen enthält, nur am Rande interessiert. Hier entwickelt Asimov die These, Orwell habe lediglich eine persönliche Vendetta mit dem Stalinismus auszutragen. Dazu äußere ich mich, wenn wir mit dieser Kritik durch sind.

Der zweite Teil behandelt den Science-Fiction-Aspekt von 1984. Sein größter Kritikpunkt ist dabei die fehlenden Aspekte, die zu diesem Genre dazugehören. Anstatt eine wirkliche Vision der Zukunft zu liefern, verschiebe Orwell London 1000 Meilen in den Osten und stelle es als Moskau dar. Beispielhaft dafür ist die konstante Überwachung, welche wird über die TV-Geräte sichergestellt wird. Selbst mir ist, wie Asimov, die völlige Ineffizienz dieses Systems aufgefallen. Es mag eine schreckliche Vorstellung sein, aber wem kann man diese Aufgabe einerseits zutrauen (ein der Welt von 1984 völlig fremdes Prinzip), andererseits die physische Belastung auferlegen, denn prinzipiell müsste dieser 24 Stunden Aufmerksamkeit zeigen. Hier ist definitiv die Fantasie mit Orwell durchgegangen. Mit Computern wäre dies noch denkbar, jedoch stellt Asimov klar dar, dass der Autor nie soweit dachte.

Weiterhin kritisiert Asimov - völlig zu Recht - die Charaktergestaltung in 1984. Das Wort Tugend scheine Orwell ein Fremdwort, sodass es ihm nicht gelinge eine Figur zu kreieren, deren Eigenschaften über schwach und schleimig hinausgehen. C.S.Lewis hat diesen Punkt brillant zusammengefasst: "If men were only like the people in 1984 it would hardly be worth while writing stories about them."2

Der dritte Teil behandelt die Regierung in 1984. Die organisierten Hasstiraden, Big Brother ,kontinuierliche Neuschreibung der Geschichte - all das hält Asimov für unnötig. Zwar ist vieles davon tatsächlich von der Realität inspiriert, das hilft jedoch nur der Argumentation Asimovs, der dabei bleibt, dass Orwell nur Momentanes im Ort verschob. Grundsätzlich kann ich ihm auch hier nicht widersprechen, lediglich seine Gedanken zu Neusprech zeigen, dass er offensichtlich nicht weiß, was Orwell zum Thema klare Sprache in Presseerzeugnissen sagt. So ist Neusprech auch nicht die Methode, die Leute politisch an der Nase herumzuführen, er wird wohl als erstes zugeben, dass es einfacher ist, dies mit vielen und vor allem langen, schrecklich komplizierten zu bewerkstelligen. Der Sprache hingegen soll, im Zuge der Vereinfachung, die Möglichkeit genommen werden, komplexe Sachverhalte auszudrücken. Wenn ich an die Geschichte des Christentums denke, in der in den ersten Jahrhunderte das Problem bestand, mit der bestehenden Sprache völlig neue Sachverhalte auszudrücken, dann sympathisiere ich mit dieser Darstellung, obwohl ihr definitiv das Aufgreifen in der Geschichte selbst fehlt.

Der letzte Teil geht dann auf die von Orwell dargestellte internationale Situation ein und lobt erstmals. Anders als die meisten habe Orwell mit klaren Augen gesehen, dass die Sowjetunion und China im jeden Fall Feinde bleiben müssten. Nach diesem kurzen Lichtblick, findet Asimov auch schnell wieder etwas kritikwürdiges. Die präsentierte Theorie, es müsse konstanten Krieg geben, damit die Ressourcen aufgebraucht werden, scheint Asimov ebenso sozialistisch inspiriert, wie die Beschreibung der Welt in "High, Middle and Low". Ebenso unüberzeugend findet er diese Theorien damit auch und heute stimme ich ihm zweifellos zu. Die kleine Passage, die den "ewigen Krieg" als notwendig beschreibt, ist, in Asimovs Worten, tatsächlich lachhaft. Mir persönlich ist dabei im Kopf geblieben, wie Winston an einer Stelle zweifelt, ob überhaupt Waren hergestellt werden, was den Ressourcenverbrauch leicht überflüssig machen würde.

Alles in allem sind die Kritikpunkte Asimovs gut konstruiert und treffen, wie ich leider zugeben muss, den Kern des Ganzen. 1984 wird gerne als ein Meisterwerk dargestellt, das für den kritischen Geist eintritt. Leider habe ich heute das Gefühl, Orwell war eher ein Anhänger der Theorie, man sei kritisch, wenn man einen bestimmten Gedanken bejaht. Folgendes Zitat finde ich in diesem Zusammenhang äußerst ironisch: "The best books, he perceived, are those that tell you what you know already."3 Jemanden, der Mortimer J. Adler als Lehrer ansieht, welcher klar jene den Geist erweiternden Bücher lobt, schaudert es bei diesem Satz.

Mein wirkliches Problem konnte ich lange nicht in Worte fassen, bis ich diesen Kommentar von C.S.Lewis gelesen hatte:
Thus the short book does all that the longer does. But it also does more. Paradoxically, when Orwell turns all his characters into animals he makes them more fully human. In 1984 the cruelty of the tyrants is odious, but it is not tragic; odious like a man skinning a cat alive, not tragic like the cruelty of Regan and Goneril to Lear.4
Wenn ich nun zurückdenke, welche Passagen wirklich prägend waren, auch als junger Leser, bleiben nur wenige übrig, doch sie bleiben. Die philosophische Diskussion um die Existenz der Vergangenheit führt zwar zu dämlichen Konsequenzen dieses Regimes, bleibt an sich aber ein nettes Gedankenspiel. Die Ehrlichkeit O'Briens in Bezug auf die Ziele des Regimes ist so erschütternd wie erleuchtend. Die Folter Winstons mit der Intention, ihn fünf statt vier Finger sehen zu lassen, wurde zu Recht von anderen aufgenommen, so von Star Trek und Babylon 5. Wenige Lichtblicke, doch möchte ich sie nicht missen, wobei mir heute die fehlende Qualität von 1984 nur zu schmerzlich bewusst ist.


1George Orwell, 1984 p.3
2C.S.Lewis, 'George Orwell', in C.S.Lewis, 'On Stories and other Essays on Literature' p.104
3George Orwell, 1984 p.208
4C.S.Lewis, 'George Orwell', in C.S.Lewis, 'On Stories and other Essays on Literature' p.103

Freitag, 6. November 2015

Der Dunkle Turm 2: Drei - Stephen King

 Mach nicht den Fehler und schenke ihm dein Herz. Guter Rat. Du hast dir selbst geschadet, indem du freundschaftliche Gefühle für diejenigen gefasst hast, denen letztlich geschadet werden musste.
Bedenke deine Pflicht, Roland. 1

Weiter soll es nun auf unserer Reise zum Dunklen Turm gehen. Für mich bewegen wir uns noch auf vertrautem Gebiet, schließlich gehörte Drei (engl. The Drawing of the Three2) zu den beiden Romanen, die ich vor Jahren schon einmal las. Interessanterweise veränderte sich nichts an meiner Einstellung zum eigentlichen Inhalt des Romans, jedoch fiel mir dieses Mal stärker auf, was eben nicht da ist.

Roland erwacht nach dem langen Palaver mit dem Mann in Schwarz, wozu er anscheinend zehn Jahre gebraucht hat. Nachdem ich doch schon etwas weiter in der Reihe bin, wundert mich diese Zeile überhaupt nicht mehr. Es gehört zu einer der Eigenschaften von Mittwelt, eine fürchterlich komplexe Geographie und Zeit aufzuweisen. Insofern sind diese zehn Jahre Schlaf schon beinahe verständlich. Auf jeden Fall geht er am westlichen Strand entlang, denn der Walter, der Mann in Schwarz, hat ihm seinen folgenden Weg weis gesagt: Er wird drei neue Mitstreiter, ein Ka-tet, "ziehen". Mit diesen muss er sich auf die Reise zum Dunklen Turm machen.

Bevor er aber überhaupt zur ersten Tür gelangt, schockt King den Leser gewaltig. Roland trifft auf die  durchgängigen Antagonisten des Romans: die Monsterhummer. Das mag sich jetzt dämlich lesen, jedoch gelingt es King, uns die Furcht vor ihnen zu lehren - im Prolog des Romans. Normalerweise vertrauen Autoren es sogenannten "Red-Shirts" an, diesen Effekt zu erreichen. Das Prinzip ist nicht nur auf "Star Trek" zu beschränken, es kommt allgemein immer dann zum Einsatz, wenn ein Autor eine Gefahr deutlich machen möchte, seinen Hauptfiguren aber gerne verschont, diesen sollen schließlich die Handlung an sich tragen. Stephen King wirft das ganze über Bord und lässt den ersten Hummer sogleich Roland zwei Finger seiner rechten Hand verspeisen (und ein wenig von seinem Fuß). Damit muss der Revolvermann die gesamte Länge des Romans fertig werden, erhält auch am Ende kein Deus ex machina, bleibt bis auf weiteres in dieser Hinsicht eingeschränkt. Zu allem Übel schein der Hummer mit einem Gift ausgestattet zu sein, das Roland schwer krank werden lässt.

Diese Art der Konsequenz zieht sich - bisher - durch die ganze Reihe und lässt den Leser spüren, dass er nicht einfach nur einer Reise beiwohnt, diese hingegen eine klare Auswirkung auf die Charaktere hat. Also hat er mich innerhalb von zehn Seiten schon gewonnen, Glücklicherweise gibt auch der Rest diese Qualität her - meistens zumindest.

So erreicht Roland, schwer angeschlagen, die erste Tür mit der Aufschrift "Der Gefangene". Dahinter verbirgt sich der Kopf von Eddie Dean. Das mag sich seltsam lesen, ist aber völlig korrekt. Wieder einmal applaudiere ich der Kreativität von Stephen King. So absurd das im ersten Moment klingt, schafft er es doch, eine überraschend intelligente Geschichte daraus zu stricken. Es gibt einen klaren Unterschied zwischen Roland dem Betrachter von Eddies Sinnen und ihm als Handelnden, sollte er "nach vorne" kommen. Er kann Eddies Gedanken als Enzyklopädie verwenden, ihn mit Gesprächen beeinflussen, etc. In dieser Hinsicht ist der Roman überraschend gut ausgearbeitet und es macht schlicht Spaß, Roland dabei zu beobachten wie er mit dieser, für ihn ebenfalls neuen Situation umgeht.

Auf dieser Ebene habe ich keinerlei Beanstandungen, wobei hierbei auch der flotte Erzählstil sein Übriges tut. Hält man nun inne und reflektiert über das Gelesene ein wenig, kommt man leider nicht umhin, das ein oder andere festzustellen. Zuerst der Titel: Der Gefangene. Hintergrund soll sein, Eddie sei ein Gefangener des Heroins. Bis auf wenige Momente wirkt sich das aber wenig bis gar nicht auf seinen Charakter aus. Vielmehr scheint es darum zu gehen, ihm irgendeinen Hintergrund zu geben, in den Roland einsteigen kann. Nur wenige Entzugserscheinungen nach diesem kleinen Abenteuer deuten aber auf seine "Gefangenschaft" des Heroins hin.

Weiterhin widerstreben mir in diesem Teil der Geschichte zwei verschiedene Aspekte, die sich gegenüberstehen. Einerseits der eigentliche Verlauf der Handlung, die schon viel früher hätte beendet werden können - ohne Zoll, ohne Polizei, ohne Schießerei. Andererseits der geniale Gebrauch dieser letztlich "nutzlosen" Taten für die Charakterisierung Eddies und Zementierung der Beziehung zwischen Eddie und Roland. So ist es zwar für die Figuren, wie der Autor sie zeichnet, notwendig, den Tod Eddies wahrzunehmen, um den letzten Schritt deutlich zu machen und Eddie durch die anrückende Polizei keinen Ausweg zu lassen, die Handlung braucht aber ab dem Moment, da Roland sowohl Medizin als auch Essen besitzt, nicht mehr fortlaufen.

Das wird nochmals im nächsten Teil, "Die Herrin der Schatten", klar. Ohne großes Federlesen verlässt Roland unsere Welt wieder, sodass der folgende Plot mehr in Mittwelt stattfindet. Dabei handelt es sich hierbei um eine kohärentere Geschichte, die ganz schlicht ein Problem behandelt: Wie kommen wir zur nächsten Tür? Odetta/Detta braucht keinen großen Hintergrund im Sinne eines Plots, in den Roland eingreift, ist sie doch mit ihrer gespaltenen Persönlichkeit Plot genug. Lediglich die Auflösung enttäuscht ein wenig, da hier mehr Gedanken dahinter stecken, als wir zu Gesicht bekommen.

Im dritten Teil um Jack Mort wird das Tempo nochmals deutlich erhöht. Der Revolvermann entschließt sich - nicht ohne Konsequenzen (in tot.) -, Jake zu retten. Dann benutzt er Morts Körper, um einerseits Munition und andererseits Arzneimittel zu ergattern. Die Spannung wird hier unerträglich, das aber im Guten Sinne und Roland hat auch gute Gründe, so lange in unserer Welt zu verweilen. Leider zielt das Ganze auf die Vereinigung von Odetta und Detta zu Susannah ab, welche mich, wie gesagt, wenig überzeugte, sodass dieser starke Teil an einem etwas seltsamen Punkt enden muss. So scheint King selbst verwirrt zu sein, schließlich bezeichnet er Susannah als die dritte "gezogene" Person, obwohl jedem Leser diese Lesart wie Quatsch vorkommen muss, da alleine Odetta und Detta, wenn man denn nun so zählen möchte, zwei Plätze eingenommen hätten. Der nächste Band beweist das dann auch, wodurch King seine eigene Beschreibung etwas ad absurdum führt.

Beim ersten Lesen liebte ich diesen Roman für seine schnelle Erzählung und einfangende Atmosphäre. Beim zweiten Mal, mit der Hilfe der Reflexion, fällt mir zunehmend auf, dass Stephen King eigentlich fast alle Fehler aus "Schwarz" wiederholt. Wir haben immer noch keine Ahnung, wie die Welt Rolands aufgebaut ist, der Turm ist wie Rolands Heroin, allerdings bleibt er gestaltlos. Nicht einmal eine epische Geschichte ist ihm dieses Mal gelungen. Trotzdem würde ich Drei empfehlen, denn er schafft, was in "Schwarz" noch unausgegoren war: Der Autor erzählt eine gute Geschichte. Zwar sind mir viele kleine Schrammen aufgefallen, letzten Endes ist die Erzählung aber gut genug, dass man über diese hinwegsehen kann, lediglich die Nachbereitung deckt sie auf. Mit guter Hoffnung kann man nach vorne blicken, denn wir sind dem Turm wieder ein Stück näher gekommen.

1Stephen King, Drei S. 119
2Mal ernsthaft: Was ist mit diesen Übersetzungen los? Wenigstens sind wir dieses Mal nahe dran, beim ersten Band (Schwarz = The Gunslinger?) war das schon grenzwertiger. Der Höhepunkt folgt natürlich noch.


Mittwoch, 4. November 2015

Harry Potter und der Stein der Weisen - J.K. Rowling

Harry, du bist ein Zauberer.1
 Jetzt ist es schon fast zwei Jahrzehnte her, dass "Harry Potter und der Stein der Weisen", Teil 1 dieser bekannten und erfolgreichen Reihe, auf dem Buchmarkt erschien. Letztlich handelt es sich beim gigantischen Erfolg dieser Bücher um ein Phänomen, welches nie zur Gänze erklärt werden kann. Jeder Versuch einer Erklärung ist notwendigerweise eine Simplifikation. Sicherlich gehörte ein gewisses Timing zum Erfolg der Bücher, jedoch wäre es höchst zweifelhaft, nur daran ihre Beliebtheit auszumachen. Bücher sind nicht einfach nur irgendeine Ware, deren Gewinn sich zur richtigen Zeit erwirtschaften lässt, dahinter steht stets eine etwas größere Vision, welche im diesen Fall abertausende Leser fesseln und begeistern konnte. Deswegen will und kann ich in dieser Hinsicht gar nichts anbieten. Allerdings ist es mir möglich, meine eigenen Erfahrungen mit diesen Werken zu vermitteln, vor allem nachdem ich erst vor Kurzem die gesamte Hörbuchedition spottbillig erstehen konnte - zumindest im Vergleich zum Preis der damaligen CD-Version.

"Harry Potter" ist die Geschichte des gleichnamigen, völlig normalen Jungen, der an seinem elften Geburtstag einerseits erfährt, er sei ein Zauberer, und andererseits eine absolute Berühmtheit in der Zaubererwelt darstelle, denn er habe den bösen Zauberer Lord Voldemort zu Fall gebracht - wobei sich keiner so genau erklären kann, wie er das zustande gebracht hat.

Die Autorin erwähnt gerne, sie habe die Reihe so angelegt, dass der Leser zusammen mit den Figuren wachse. Nachdem ich die Bücher zum x-ten Mal wieder einmal gehört habe, ist mir dabei etwas interessantes aufgefallen. Stilistisch ist diese Aussage völlig korrekt. Die Art und Weise, wie Konflikte und Themen angegangen werden, war definitiv einem Reifungsprozess unterworfen. Jedoch ist es faszinierend, dass die grundlegenden Themen - Umgang mit Tod und Macht - bereits im ersten Band mit voller Wirksamkeit entfaltet werden. Schon im Umgang mit dem Stein der Weisen scheiden sich die Geister an diesen Themen, wird die Linie zwischen Gut und Böse dadurch gezogen: Während Quirrell, angeleitet von Lord Voldemort, die Welt in "Macht und jene, die zu schwach sind, um nach ihr zu streben"2, aufteilt, stellt Dumbledore als ideologischer Gegenpunkt die Liebe über alles3. Ebenso ist es Voldemort, der den Stein benutzen will, um "ewiges" Leben zu erlangen, während laut Dumbledore "der Tod für den gut vorbereiteten Geist nur das nächste Abenteuer ist"4. Dabei schafft es Rowling tiefstes Verlangen mit diesen beiden Aspekten in der Gestalt des Spiegels Nerhegeb5 zu verbinden, welcher dadurch zu einem meiner liebsten magischen Artefakte wurde, der sich zurecht neben dem Teufelsspiegel aus Andersens Die Schneekönigin stellen lassen kann.  Neben anderen Dingen scheint mir vor allem das der Kern zu sein, welcher eine faszinierende Reife der Bücher suggerierte.

Weiterhin schätze ich Rowling vor allem in stilistischer Hinsicht. Neben dem detaillierten Universum, welches sie aufbaut, scheinen gerade die Nebenfiguren immer mit erstaunlich viel Leben gefüllt zu sein. Andere Autoren scheitern schon daran, ihrer Hauptfigur eine Persönlichkeit zu geben, während Rowling es schafft, eine ganze Klasse vor den Augen des Lesers erstehen zu lassen. Das hängt für mich auch mit den präzise gewählten Namen zusammen, die schon beinahe in Tolkienscher Manier auf die Figur selbst schließen lassen. So stört es auch nicht, wenn die Autorin viele Aspekte ihrer erdachten Welt aus anderen Werken und vor allem der klassischen Mythologie entnommen hat, da ihre Welt auf einer ganz anderen Ebene, der menschlichen, definitiv lebendig wirkt.

Wer Fehler finden will, findet sie leider auch am ehesten in diesem Band. Typischerweise für den Beginn einer Reihe, krankt Stein der Weisen an den Fehlern einer Einleitungsgeschichte. Mehr noch als in allen anderen Bücher muss vieles eingeführt werden, damit die Geschichte später wirklich losgehen kann; einiges davon bearbeitet dazu auch noch die Muggelwelt, also die nicht-magische, wodurch noch mehr der Eindruck einer gewissen Langatmigkeit entstehen kann. Der Stil ist noch etwas naiver, sodass Langleser schnell die ein oder andere Diskrepanz entdecken.6 Letzten Endes soll das aber keineswegs von der Qualität und den starken Aspekten des Romans ablenken und keinerlei Problem macht das Buch wirklich kaputt.

Höchstens eines könnte ich nennen, welches mir schon als sehr junger Leser beziehungsweise Hörer missfallen ist. Harry, Hermine, Draco und Neville erhalten eine Strafarbeit, die darin besteht, mit Hagrid den Verbotenen Wald nach einem verletzten Einhorn abzusuchen. Sie finden es und dazu noch eine Gestalt, die das Blut des Tierwesens trinkt. Nachdem der Zentaur Firenze Harry vor der Gestalt rettet, möchte er ihm die Implikationen klar machen. Wer ein so reines Tier wie das Einhorn tötet und dessen Blut trinkt, wird am Leben bleiben, führt jedoch fortan ein verfluchtes Leben. Weder hier noch im weiteren Verlauf der Reihe, obwohl selbst einige abwegigere Fragen beantwortet wurden7, erhalten wir eine Antwort, es wird nicht einmal mehr weiter erwähnt. Ich habe immer noch das Gefühl, dass ursprünglich etwas etabliert wurde, was Rowling verwerfen musste oder selbst verworfen hat, für den Leser bleibt leider nur noch diese Leerstelle.

So bleiben noch zwei weitere Medien zu besprechen. Die Hörbücher mit Rufus Beck sind mittlerweile legendär und man kommt nicht umhin, eigentlich sämtliche anderen Hörbücher auf dem Regal an diesem zu messen. Jede Figur erhält ihre eigene Stimme - das ist kein einfacher Werbespruch, der Verlag wurde davon dazu inspiriert, ein Quiz zu veranstalten: aus den verschiedenen Hörbüchern wurde Sätze genommen und man musste denen die entsprechenden Figuren zuordnen - und es war machbar. Wer also mehr als nur das monoton vorgelesene Hörbuch haben möchte, sondern ein Hörspiel ohne Effekte, der ist mit Rufus Beck gut beraten, den man, ich spreche aus Erfahrung, auch ganze zehn Stunden am Stück hören kann.

Kommen wir zur Verfilmung mit Chris Columbus als Regisseur. Auch hier mag man inhaltlich sagen, was man möchte. Insgesamt ergibt sich für mich ein stimmiges Bild mit einem beachtlichen Schauspielensemble und einem unbestreitbaren Charme, der es sogar schafft, irgendwie diese Naivität passend auf die Leinwand zu bringen. Die Atmosphäre war in den ersten vier Teilen noch unverkennbar und verrät nicht zuletzt durch die Musik und die Sets stets einen Potter-Film.

Alles in allem darf man sich also ruhigem Gewissens dem ersten Band der Harry Potter - Reihe nähern. Ein starker emotionaler und tiefsinniger Kern ist hierbei von einer fein ausgearbeiteten Welt umgeben, sodass eigentlich jeder Leser auf seine Kosten kommen sollte.



1J.K. Rowling, Harry Potter und der Stein der Weisen S.58
2ebd., S.316
3ebd., S.324
4ebd., S.323
5Ich habe übrigens verboten lange gebraucht, um auf die Herkunft dieses Namens zu kommen.
6Mein Liebling wird wohl die Szene sein, in der Snape Harry einen - einen! - Punkt abzieht, und es als riesiges Problem gesehen wird. In späteren Romanen wäre Harry froh sein, würde es sich nur um einen Punkt handeln. Das ist aber auch eher eine Situation zum Schmunzeln.
7Zum Beispiel: "Warum ist der Blutige Baron so blutig?", eine Frage, deren Beantwortung ich nicht für möglich gehalten hätte.

Dienstag, 20. Oktober 2015

Der Dunkle Turm 1: Schwarz - Stephen King

Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste und der Revolvermann folgte ihm.

"Der Dunkle Turm" ist eine Romansaga von Stephen King, die mittlerweile acht Bände umfasst. Als grundsätzliche Inspiration nennt King Robert Brownings erzählendes Gedicht "Childe Roland to the Dark Tower Came", wobei etliche Einflüsse aus den Bereichen Western, Fantasy, Horror und Science-Fiction zu erwähnen wären. Der Autor beschreibt es einmal als den Versuch, das beispielsweise durch Clint Eastwood popularisierte Westerngenre mit einer romantischen Fantasywelt zu vereinen.

Bereits vor mittlerweile drei Jahren, einem kleinen Höhepunkt meiner King-Euphorie, welche mittlerweile abgekühlt ist, wagte ich mich an die Sage um den Dunklen Turm. Allerdings kam ich praktisch nie über den zweiten Band hinaus: Meine städtische Bibliothek führte nicht den dritten Teil der Reihe im Sortiment. So ruhte dieses Vorhaben, bis ich vor einiger Zeit die gesamte Sage billig auf ebay fand. Damit soll es mir nun möglich sein, Stück für Stück diese Reihe zu erfahren, ab dem dritten Band wird es für mich ohnehin eine neue Erfahrung sein. Nach dieser kleinen Einleitung beginnen wir mit Schwarz, im Original The Gunslinger.

Roland. Roland Deschain. Das ist der Name unseres "Helden". Ohne großes Federlesen werden wir mit dem oben angeführten Zitat in die Handlung hineingeworfen. Eigentlich muss man auch nicht viel mehr wissen. Freilich, ein wenig mehr steckt schon dahinter, aber damit ist schon das größte Manko des Werkes umrissen: Seine Gestaltslosigkeit. Wir wissen von Anfang an, dass Roland auf der Suche nach dem Dunklen Turm ist. Jedoch werden wir nicht aufgeklärt, was denn dieser Turm eigentlich sei. Unseren ersten Einblick erhalten wir am Ende von Schwarz, wirklich konkrete Anhaltspunkte gibt es erst im Verlauf der Handlung in "tot.". Man mag argumentieren, damit sei das Mysterium um dieses Zentrum gewahrt, was selbstredend stimmt, aber eine gute Handlung zeichnet sich dadurch aus, dass eben solche Dinge etwas konkret sind.

Dabei wäre es sogar gar nicht mal so dramatisch, wenn der Turm weiterhin im Dunkeln bleibt, gälte das nicht auch für die Motive unseres Protagonisten. Warum will Roland den Turm überhaupt finden? Die Beantwortung dieser Frage steht noch in den Sternen, würde aber der Motivation des Lesers bestimmt helfen.

Ähnlich sehe ich auch Rolands Vergangenheit. Immer wieder gibt es kurze Rückblicke, wobei nie ein vollständiges Bild entsteht, lediglich Fragmente blitzen auf, welche zwar besser als irgendein anderer Teil der Handlung zur Charakterisierung Rolands dienen, letztendlich aber unzufriedenstellend bleiben. Dabei könnten diese Einblicke in die Vergangenheit ungemein helfen, ein anderes Manko zu revidieren: die aufgebaute Welt. Hier trifft der Vorwurf der Gestaltlosigkeit am härtesten. Man kann sich schlicht keine wirkliche Vorstellung dieser Welt, "die sich weitergedreht hat", machen. Ist es eine Parallelwelt? Lediglich die Zukunft der unsrigen? Selbst zwei Bände weiter steht man etwas fraglos vor diesen Fragen. So wirken Elemente wie das offensichtlich vertretene Christentum völlig befremdlich, scheinen sie doch gar nicht in diese Welt passen zu wollen.

Vor drei fasste ich diese Gedanken ungefähr so zusammen: Stephen King versucht mit aller Macht eine epische Geschichte zu erzählen - es gelingt ihm einfach nicht. Sein Protagonist Roland bleibt zu blass, zu sehr am Vorbild Clint Eastwood kleben. Seine Welt will keine Gestalt annehmen,  genauso wenig wie seine Handlung.

Ein wenig Auflockerung bringt Jake. Faszinierend finde ich das nur deswegen, weil alles Gute dieses Charakters erst in zukünftigen Bänden realisiert wird. Hier wächst er dem Leser weder als Charakter ans Herz noch scheint sein Erscheinen von großer Bedeutung zu sein, schließlich redet Roland auch von Magie in seiner Welt. Beide Aspekte werden zwar später revidiert, dabei ist aber ironischerweise immer ein Bezug auf diesen Roman vorhanden, sodass sich die Figuren auf eine emotionale Bindung an dieser Stelle beziehen, obwohl dem Leser nichts davon aufgefallen ist. Dies wird nicht die einzige Reihe sein, in dem Folgeromane auf eine Begebenheit Bezug nehmen und diese konsequent weiterdenken, diese jedoch selbst für die Leser alles andere als berauschend war.

Einziger wirklicher Lichtpunkt ist dabei das Ende - völlig untypisch für einen King. An dieser Stelle trifft Roland den Mann in Schwarz, den er konkret die letzten 200 Seiten verfolgt hat, da er einen Schritt auf dem Weg zum Dunklen Turm darstellt. Das darauf folgende Gespräch zwischen den beiden ist hypnotisierend geschrieben und gibt den endlich den ein oder anderen Blick auf die Mythologie des Dunklen Turms. Im Nachhinein betrachtet ist dieser Blick nebulös und vage, frustrierend ist auch das Argument, das Universum sei zu groß, damit sich Gott für uns interessiere. Trotz allem ist man nach dem enttäuschenden Roman ganz froh, dieses "Palaver" zu lesen. Lustigerweise schneidet sich King hier mit seiner Gestaltlosigkeit selbst ins Fleisch. Am Ende stellt sich nämlich heraus, Walter sei der Mann der Schwarz, worauf Roland schockiert reagiert. Wer ist Walter? Ein Mann aus Rolands Vergangenheit. Schockiert uns diese Enthüllung? Nicht wirklich, schließlich haben wir kaum einen Bezug zum fernen Roland, wie sollte uns dann schon Walter etwas angehen.

Alles in allem bleibt Schwarz hinter den Erwartungen zurück und ist letztendlich nur ein mediokrer Roman. Doch lässt sich fragen, ob er seine Rolle nicht allein dann erfüllte, wenn er mich zum Lesen des nächsten Bandes animierte. Zwar konnte ich schon damals wenig mit diesem Werk anfangen, hielt es für unvollständig, aber dennoch las ich weiter. Auch dieses wollte ich mehr erfahren, obwohl ich kein Qualitätswerk vor mir hatte. Vielleicht war das ja der ureigene Sinn von Schwarz. Sei es wies es sei, wir sind dem Dunklen Turm auf jeden Fall einen Schritt näher gekommen.

Sonntag, 18. Oktober 2015

Das Labyrinth der Träumende Bücher - Walter Moers

[Die letzten Wochen war es auf diesem Blog etwas ruhiger. Das ist der Tatsache geschuldet, dass ich in dieser Zeit unter der Woche berufsbedingt nicht zu Hause war, sodass sich alle meine Schreibtätigkeit auf das Wochenende konzentrieren musste. Das funktionierte die erste Woche noch, danach jedoch war es mir nicht mehr möglich, in der kurzen Zeit genug niederzuschreiben, damit der Blog gefüllt ist.]

Passenderweise sollte diese Rezension zum Erscheinen des Buches "Das Schloss der Träumenden Bücher", dem letzten Teil der Buchhaim-Trilogie verfasst werden, nachdem dieses jedoch auf unbestimmte Zeit verschoben wurde1, kann ich diese Idee getrost vergessen. Stattdessen gehe ich aber auf die Reaktionen ein, die dieser Roman hervorgerufen hat. Obwohl Moers sowohl vom Publikum als auch vom Feuilleton wohlwollend aufgenommen wird, kann man die Rezeption von "Das Labyrinth der Träumenden Bücher" nur als negativ ansehen, wobei es natürlich auch Ausnahmen gibt. Für mich stellt sich unweigerlich die Frage, ob dieser Roman wirklich so schlecht ist, oder doch die Verteidiger Recht haben.

Ich selbst besitze lediglich das Hörbuch, welches aus zwei MP3-CDs besteht. Das erwähne ich aus einem einzigen Grund: Solange ich nur die erste CD betrachte, fällt mir grundsätzlich, solange ich mich nicht auf die Gesamtkonzeption des Romans beziehe, kein negativer Aspekt ein. Hildegunst von Mythenmetz erhält, in klarer Anlehnung an den ersten Teil, einen Text, der absolut unterirdisch ist, dabei aber seinen eigenen Stil, der in den letzten Jahren aufgrund von Mythenmetz' Stolz und Überheblichkeit mit miserabel noch wohlwollend umschrieben ist, bis ins kleinste Detail kopiert. Letztlich bewegt ihn ein kurzer Satz am Ende dazu, den Autor des Texts, wie schon im ersten Teil, ausfindig zu machen: Der Schattenkönig ist zurückgekehrt.

Wie ich es auch drehe und wende, es bleibt dabei: Dieser Einstieg ist absolut stimmig gewählt. Bewusst bezieht er seine Inspiration aus dem Vorgänger, ohne ihn plump zu kopieren. Zuvor ging es darum, den besten Autor, den Mythenmetz je gelesen hat, zu finden. So konnte er dann selbst das Orm, wie in den Moersen Büchern die wahre Inspiration eines Autors genannt wird, finden. Jetzt muss er es jedoch neu entdecken, wiederfinden. Also wandelt sich seine Expedition in die Stadt der Träumenden Bücher in ein zunehmend persönliches Unterfangen, das mehr der Charakterbildung als allem anderen dient.

Selbst wenn Mythenmetz endlich in Buchhaim ankommt, bleibt dieses positive Gefühl aufrechterhalten. Freilich nimmt sich die Handlung etwas zurück und stellt sich hinter die Beschreibung der Stadt - das geschah auch so im Vorgänger (beispielsweise bei Mythenmetz' ersten Ankommen oder sein Besuch bei den Buchlingen). Es ist aber auch nur natürlich, über Buchhaim Neues zu erfahren, schließlich ist sie uns, zumindest gehe ich bei den Bücherliebhabern davon aus, ans Herz gewachsen und wir haben sie ca. 200 Jahre nicht gesehen. So ist der Leser durch die Beschreibungen des Brandes von Buchhaim am Ende des ersten Bandes von Ovidios ebenso fasziniert, wie Hildegunst vom Autor beschrieben wird. Vielleicht ist Moers im Kapitel "Bibliodies, Bibliodas" etwas zu verspielt, doch kann man hier weder von Langeweile noch von fehlender Kreativität sprechen. Sogar die Fremdenführer, die als einzige auch nur im Entferntesten an den Charme der Buchlinge herankommen, sind mit einer netten Idee bespickt, welches das Kapitel "Alles in Fraktur" im Nu vergehen lässt.

Das Treffen zwischen dem Eydet Hachmed Ben Kibitzer, der Schreckse Inea Anazazi und Mythenmetz war unausweislich und findet bei mir keine Beanstandung, weswegen ich darauf wenig Zeit verwenden möchte. Bis hierhin scheint also alles zu funktionieren und ein stimmiger, ja sogar guter Roman entstanden zu sein. Wo haperte es also?

Manche meinen, die Aufführung, und daraus folgende Zusammenfassung, der "Stadt der Träumendne Bücher" sei der Tiefpunkt. Obwohl ich die Argumentation verstehen kann, schließlich wird hierbei nicht die Handlung weiterbefördert2, trotzdem stimme ich ihr nicht zu. Für jemanden wie mich, der sich gerne mit Adaptionen befasst, sind die Kommentare von Moers zu diesem Thema, denn um nichts anderes handelt es sich, wenn Mythenmetz die Aufführung mit seinem Werk vergleicht, zu faszinierend, um sie so abzutun. Zugegebenermaßen hilft hierbei die Vertonung durch den kongenialen Andreas Fröhlich und ich gebe auch zu, dass die Szene etwas lang geht.

Zweifelsohne lässt sich der Fehlschlag des Werkes aber mit einem Wort zusammenfassen: Puppetismus, eine fortgeschrittene Variante des Puppentheaters. In der zweiten Hälfte des Buches befasst sich Mythenmetz obsessiv mit dieser Kunstform - und lässt die Handlung erstochen mit einem Dolch hinter sich. Es gibt keine Beschönigung dieser Tatsache: Es handelt sich um eine ermüdende Zusammenfassung einer erdachten Kunstrichtung, wobei, freilich, etliche Anspielungen auf reale Theaterströmungen verarbeitet wurden. Das war bei den Buchlingen nicht anders, diese waren aber darüber hinaus auch so liebevolle Geschöpfe. Wer die literarischen - oder soll ich sagen "intertextuellen"? - Referenzen versteht, hat einen Mehrwert. Wer sie aber nicht versteht, verliert in dem Sinne nichts. Beim Puppetismus ist das anders. Wenn ich die Referenz nicht verstehe, bleibe ich auf der Strecke und lese eine trockene Beschreibung. Selbst wenn ich sie verstehe, bleibt es für mich auf der faktischen Ebene des Erkennens einer Anspielung. Beispielsweise habe ich erkannt, dass der schrecksimistischer Puppetismus eine Anspielung auf "Warten für Godot" darstellt, wirklich Freude habe ich daran nicht gewonnen. Es fehlt die den Buchlingen innewohnende Zelebration des Themas.

Das Ende gehört nicht nur zu den gewagtesten Cliffhangern überhaupt, es stellt auch eine klare Ohrfeige für den Leser dar. Wenn die letzten Worte lauten "Hier fängt die Geschichte an" kommt einem unweigerlich die Frage: Was sollte das eigentlich?

Zuerst dachte ich, es handle sich soweit um ein postmodernes Werk, dass hier dem Leser ein Werk eines Autors in einer Schreibkrise vorgelegt wird (hierbei ist freilich zu beachten, dass dies zwingenderweise keinen Kritikpunkt entkräftigt, im Gegenteil diese voraussetzt). Das scheitert an zwei Punkten. Erstens ist der schreibende Mythenmetz nicht in einer Schreibkrise,  nur der beschriebene Mythenmetz. Das wird deutlich am Anfang ersichtlich, wo Hildegunst gekonnt und mit erstaunlicher Selbstkritik, die ihm laut Handlung an dieser Stelle noch nicht inne sein konnte, sein eigenes Schaffen gnadenlos kritisiert. Zweitens ist der erste Teil, wie beschrieben und voller Ironie, viel zu gut.

Andererseits könnte es auch das Manuskript des Vorgängers, welches auch eine Schreibkrise thematisiert, entfiktionalisieren wollen. Hier scheitert es daran, dass niemand dem Roman diese Qualitäten zuschreiben würde, mich da mit eingeschlossen. Zwar habe ich Lob gehört, dieses fokussierte sich aber weniger auf den inhärenten Qualitäten und vielmehr auf den postmodernen Spielereien, die man im Roman findet. Anders gesagt: Wäre das der Weg gewesen, bräuchte man keine Interpretation, um das Werk zu mögen, es wäre schlicht unwiderstehlich gut.

So bleiben die Leser mit einer Menge Fragezeichen zurück, die auch daraus resultieren, dass man die Intention des Autors nicht kennt, und somit nicht beurteilen kann, ob er "einfach so" gescheitert ist, oder ob das gewollt war (was natürlich immer noch berechtigterweise als Scheitern zu deklarieren ist). Auch glaube ich nicht, dass Moers, wie ich es andern Ortes gelesen habe3, jedes Mal bei einer negativen Kritik schmunzelt. Wie eingangs beschrieben, wird er sonst eigentlich von allen Seiten überwiegend positiv bewertet, wenn also eines seiner Bücher so abschmiert, kann die Schuld kaum sämtlich auf das Unverständnis des Lesers schieben. Vielleicht haben sie ja sehr gut verstanden und sind weitsichtiger als der Autor.

Letztendlich zerschellen für mich auch sämtliche Verteidigungen des Romans an den Worten des Autors selbst. Dieser bezeichnet "Das Labyrinth der Träumenden Bücher" als Ouvertüre, gibt damit offen zu, die eigentliche Geschichte folge erst. Jede Ansicht, die eine miserable Qualität des Romans postuliert, um dies als gewagte Intention darzustellen, darf getrost ignoriert werden, schließlich unterstützt das Werk diese nicht. So bleib folgendes Fazit: "Die Stadt der Träumenden Bücher" war eine Zelebration des Buches und die Kultur darum; was "Das Labyrinth der Träumenden Bücher" sein will, weiß ich nicht. Während der Vorgänger den Balanceakt zwischen Zelebration und Handlung, sodass die Geschichte immer zwar Ruhepausen erhielten, aber immer im richtigen Moment wieder ansetzte. Der Fortsetzung fehlt dieses artistische Gespür und ist hemmungslos in seiner Obsession mit erdachten Kunstformen



1Nachzulesen hier
2In meiner Zählweise ist seit einer CD nichts mehr passiert.
3http://romanfresser.de/das-labyrinth-der-traeumenden-buecher-walter-moers/