Sonntag, 3. Juli 2016

Zitat am Sonntag

"Die arme Fanny! Sie hätte ihn nicht so schnell vergessen können."
"Ich glaube Ihnen, dass sie dies bestimmt nicht getan hätte", erwiderte Anne leise und volle Mitgefühl.
"Es hätte ihrem Wesen ganz und gar nicht entsprochen. Sie verehrte ihn über alle Maßen."
"Es würde dem Wesen jeder Frau widersprechen, die aufrichtig liebt."
Captain Harville lächelte, als wollte er sagen: 'Nehmen Sie dies für Ihr Geschlecht in Anspruch?'
Und Anne beantwortet die Frage, wobei sie ebenfalls lächelte: "Ja, wir vergessen Sie bestimmt nicht so schnell, wie Sie uns vergessen. Vielleicht ist das mehr unser Schicksal als unser Verdienst. Wir können nicht anders. Wir leben still und zurückgezogen zu Hause, und unsere Gefühle lassen uns nicht los. Sie aber können nicht untätig sein. Sie haben Ihren Beruf und immer diese oder jene Aufgaben und Pflichten, die Sie unverzüglich in die Welt zurückrufen; und dauernde Beschäftigung und dauernder Wechsel schwächen alle Eindrücke ab."
[...]
"Ich kann den Büchern keine Beweiskraft zugestehen."
"Wie sollen wir dann aber irgend etwas beweisen?"
"Wir sollen gar nichts beweisen. Wir dürfen nicht erwarten, dass wir in diesem Punkte je irgend etwas beweisen können. Die Verschiedenheit unserer Ansichten lässt keinen Beweis gelten. Wahrscheinlich beginnt jeder von uns mit einem kleinen Vorurteil zugunsten seines eignen Geschlechts, und um dieses Vorurteil bestätigt zu sehen, halten wir alle Ereignisse in unserem Umkreis fest, die dazu dienlich sein können; viele dieser Ereignisse und vermutlich diejenigen, die uns am meisten beeindrucken, mögen gerade derart sein, dass man sie nicht erzählen kannn, ohne eine bestimmte Überzeugung damit zum Ausdruck zu bringen oder in gewisser Hinsicht etwas zu sagen, was eigentlich nicht gesagt werden sollte."

Jane Austen, Überredung S. 279ff (282)

Sonntag, 26. Juni 2016

Zitat am Sonntag

When we think of all the work, big with promise of the future, that went on in those centuries which modern writers in their ignorance used once to set apart and stigmatize as the 'Dark Ages'; when we consider how the seeds of what is noblest in modern life were then painfully sown upon th esoil which Imperial Rome had prepared; when we think of the various work of a Gregory, a Benedict, a Boniface, an Alfred, a Charlemagne, we feel that there is a sense in which the most brilliant achievements of pagan antiquity are dwarfed in comparison with these."
Fiske: The Beginnnings of New England, or the Puritan Theocracy in its Relations to Civil and Religious Liberty
zitiert in:
James Walsh, Medieval Medicine

Sonntag, 19. Juni 2016

Zitat am Sonntag

Aber der Witz ist nicht nur eine Waffe. Man kann den Gegner damit nicht nur aus dem Hinterhalt beschießen, man kann ihn durch einen Witz auf auf elegant Art entwaffnen. In seiner sublimsten Form stiftet der Witz Frieden im hitzigsten Kampf. Auch dafür ein Beispiel:
Staatsgespräche werden protokolliert. So liegt etwa das Konkordatsgespräch Napoleons als Protokoll vor, wo es um eine Abmachung zwischen Staat und Kirche ging. Nun war Napoleon bekanntermaßen ein Kirchenhasser. Er war entschlossen, der katholischen Kirche den Todesstoß zu versetzen, und hatte tatsächlich den Papst gefangen nehmen lassen (- was nicht weiter tragisch war; man hat einfach einen  neuen Papst gewählt).
Jedenfalls - der Kirchenhasser Napoleon empfängt den Vertreter der katholischen Kirche, Kardinal Ercole Consalvi, und merkt sofort, dass dieser Consalvi ihm intellektuell überlegen ist. Das regt ihn maßlos auf. Der kleine Korse springt auf und brüllt: "Eminenz, wissen Sie nicht, dass ich, Napoleon Bonaparte, die Kirche zerstören kann?!" Worauf Consalvi wortwörtlich antwortet: "Sire, die Kirche zu zerstören, haben in all den Jahrhunderten wir Bischöfe nicht geschafft. Das schaffen Sie auch nicht."
Willibert Pauels, Wenn dir das Lachen vergeht, S. 200f

Sonntag, 12. Juni 2016

Zitat am Sonntag

Dennoch ist es eine Sache von äußerster Gefährlichkeit, der Arbeit diesen Charakter absprechen zu wollen. Durch diese Fiktion, Arbeit "diene" nicht primär zu etwas anderem, geschieht genau das Gegenteil von dem, was man zu tun meint oder vorgibt. Es geschieht genau das Gegenteil einer "Befreiung" oder "Rehabilitierung" des arbeitenden Menschen. Es geschieht präzis das, was die Unmenschlichkeit der totalen Arbeitswelt tatsächlich ausmacht: die endgültige Fesselung an den Produktionsprozess, der selber als die in sich sinnvolle Verwirklichung menschlichen Daseins verstanden und proklamiert wird.
Josef Pieper, Muße und Kult, S.106

Donnerstag, 9. Juni 2016

"Hier irrt Llambi!"

In den letzten Wochen hat sich bei mir eine schon morbide anmutende Faszination entwickelt. Regelmäßig habe ich nicht nur die Sendung Let's Dance im Fernsehen verfolgt - an dieser Stelle übrigens Glückwunsch an die Gewinnerin Victoria! -, die einzige im TV, bei der ich das überhaupt mache, obwohl ich ja die polnische Ausgabe bevorzuge.1 Nach jeder Sendung musste ich dann auch einfach den Kommentar von Michael Hull in seiner Kolumne "Hier irrt Llambi!" bei der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ).2 Nicht wirklich, weil ich jemals mit den Inhalten übereinstimmte, sondern einfach, weil ich wissen musste, was er denn so schreibt. Ob es besonders klug ist, kontinuierlich etwas zu lesen, von dem man weiß, dass man damit nicht übereinstimmen wird, kann jeder für sich selbst beantworten.

Dabei fängt es schon beim Titel an: "Hier irrt Llambi!" Dummerweise hat Let's Dance nun mal, für die, die es nicht wissen, drei Juroren. Neben Joachim Llambi sitzen da noch Jorge González und Motsi Mabuse. Also nur gegen einen davon vorzugehen, auch wenn dessen Position als herausstechend wahrgenommen wird, ergibt wenig Sinn. Die Beschwerde, ein Kandidat bekomme zu viele oder auch zu wenige Punkte, bezieht sich immer auf alle drei (mir fallen zumindest nur wenige Ausnahmen ein). Fairerweise muss ich dazu sagen, dass es möglich ist, dass der Name der Kolumne nicht von Herrn Hull gewählt worden ist.
Ganz allgemein kann diese Kolumne allein durch ihr Format frustrieren, da sie mehr als ganz kurzer Kommentar zu den einzelnen Tänzen anzusehen sind - wenn denn alle Tänze überhaupt angesprochen werden. So ergibt sich dann auch leider selten ein tieferer Einblick in die Charakteristik eines Tanzes, den ein Kandidat nun erfolgreich dargestellt hat oder nicht. Trotzdem ergaben sich einige interessante Bemerkungen.

So kommentiert er am 30.04.16 zum Beispiel die Bewertung für Ulli Potofski mit den Worten: "Llambis Quatsch wird immer 'quätscher'!". Allein sprachlich ist dieser Satz fürchterlich und sollte Schmerzensgeldansprüche berechtigen. Allerdings kann ich mir auch inhaltlich ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken. Was war der Kontext? Ulli Potofski "tanzte" in der siebten Sendung eine Samba, zeigte aber immer noch keine nennenswerten Verbesserungen, sodass selbst die gnädigen Juroren González und Mabuse gerade mal einen Punkt verliehen, obwohl sie ihm sonst zwei bis drei gaben. Nun hatte sich Ulli mit Herrn Llambi aber auf eines verständigt: Der MSV Duisburg3 habe sein letztes Spiel gewonnen, dafür solle er dann zwei Punkte verdienen, bei einem verhinderten Abstieg drei. Dem stimmte der harte Juror zu. So kam es zu der absurden Situation, in der Ulli den Tiefrekord von vier Punkte und die meisten dazu vom strengen Herrn Llambi erhielt. Also handelt es sich dabei gar nicht um ein falsches Verhältnis von Bewertung und Leistung, sondern um ein Einverständnis, das zu einem der besten Momente der gesamten Staffel geführt hat, in dem selbst Herr Llambi einmal den tosenden Applaus entgegennehmen konnte. So kann man es zumindest sehen. Humorlose Menschen kommentieren das mit einem grausigen "Wortspiel".

Das nächste fällt in die Kategorie des berühmten Glashauses, in dem man nicht mit Steinen werfen sollte. Die Einführung zur Kolumne (welche wiederum nicht von Hull geschrieben worden sein muss) liest sich in etwa so: "Bei „Let‘s Dance 2016“ punktet Juror Llambi mit Pointen. Aber liegt er wirklich immer richtig?" Aus meiner Sicht sollte man es bei solch einer Einleitung vermeiden, selbst versuchen mit Pointen zu punkten. Genau das versucht er aber am 07.05.16 (zumindest hoffe ich inständig auf eine Pointe, denn ernst gemeint hat er das hoffentlich nicht). Hier wirft er Julius Brink vor, zu hoch bewertet worden zu sein, denn eigentlich sei seine Leistung noch unter der Ulli Potofski anzusiedeln. Als Kontext sei gesagt, dass Ulli für seinen Rock'n'Roll genau drei Punkte bekam und Julius als Premiere einen Lindy Hop tanzte, bei dem selbst seine Profitanzpartnerin Ekaterina Leonova ein wenig überfragt gewesen zu sein schien. Vergleichbar waren diese Tänze überhaupt nicht, denn Ulli hat in dieser Sendung meist neben angesessen und Vadim Gabuzov, einem weiteren Profitänzer, die meiste Arbeit machen lassen. Als guter Spruch kommt das nichtsdestoweniger bestimmt gut.

Am 23.04.16 kommentiert Michael Hull Llambis Verhalten am Jurorenpult, da er sich mit Frau Mabuse auf eine Auseinandersetzung eingelassen hat, was auch davor und danach hin und wieder mal passierte. Übrigens unterschlägt Michael Hull völlig, dass die Diskussion von Frau Mabuse ausging. So nimmt er sie in Schutz, da sie als mehrfache deutsche Meisterin ja wisse, was sie sage. Nun, denken wir das mal weiter. Folgendes kann Herr Llambi auf seinem Konto verbuchen:
Zu seiner aktiven Zeit war er der einzige, der in allen drei Sektionen (Standard, Latein, 10 Tänze) im Finale einer Deutschen Meisterschaft stand. Nach Beendigung seiner aktiven Laufbahn ist er als Wertungsrichter im Profi- und Amateurverband tätig. Neben vielen nationalen Turnieren, wertet er Welt- und Europameisterschaften.4
Klingt fast so, als wisse auch er, wovon er da redet. Natürlich würde dieses Eingeständnis die gesamte Kolumne ad absurdum führen. Es ist einfach bezeichnend, wie blind man sein kann. Einer Person zu verbieten, andere zu kritisieren, jedoch mit einer Begründung, die verhindern sollte, das man die eben noch kritisierte Person selbst kritisieren darf.

Der letzte Punkt ist für mich einfach nur amüsant. Am 28.05.16 stellt Michael Hull die Frage, ob die Jury Jana Pallaske absichtlich Punkte wegnehme. Nebulös bezieht er sich auf seine eigene Zeit bei Let's Dance, trotzdem halte ich den Vorwurf für sehr gewagt. Ich frage mich aber, wie er überhaupt auf die Idee kommt, ich persönlich habe mich eher gefragt, warum sie so viele bekommt, aber das nur am Rande. In den zwei Wochen davor erhielt sie 57 und 58 von 60 möglichen Punkten und ihr Durchschnitt betrug auf die gesamte Staffel gesehen 27,33 von 30 Punkten pro Tanz. Viel mehr kann man eigentlich nicht geben! Vom Tatbestand kann der Vorwurf schon gar nicht greifen, aber die Begründung dafür ist noch besser. Angeblich solle damit der Zuschaue angespornt werden, für sie anzurufen. Das ist aber gehörig nach hinten losgegangen: Im Halbfinale musste sie bereits zittern und trotz der besseren Leistung landete sie im Finale noch hinter Sarah Lombardi auf Platz drei.

Neben der Sendung selbst war es also eine schöne Reise, diese Kolumne Woche für Woche zu lesen. Frustrierend war für mich immer nur die Kürze der Kommentare und teilweise auch die Auswahl der diskutierten Tänzer. Wenn ein Tänzer tatsächlich 30 Punkte erhalten hat, sollte man da nicht über sie reden? Aber gerade in den letzten Kolumnen fällt Victoria Swarovski irgendwie nicht auf. Dabei hat sie einige der besten Tänze der Staffel getanzt, beispielsweise ihren Tango, den Quickstep und vor allem ihr Paso Doble.


1Am Rande soll erwähnt sein, dass ich die letzte Staffel verpasst habe, da mir nicht bewusst war, dass die Polen pro Jahr zwei produzieren.
2Ich sollte auf eines hinweisen: Man kann leider nur fünf Artikel pro Monat betrachten.
3Dabei handelt es sich um Llambis Lieblingsmannschaft.
4http://www.workshopfestival.de/bremen/trainer/standardLatein.html

Dienstag, 7. Juni 2016

Der 100. Katholikentag (II)

26. Mai 2016: Ein Tag mit entspanntem Programm

Durch meine Erfahrung mit vorangegangen Kirchentagen habe ich dieses Mal eines beherzigt: Nicht zu viele Veranstaltungen planen, flexibel sein und zu beachten, möglichst kurze Wegstrecken zwischen den verschiedenen Veranstaltungsorten vorliegen zu haben. So habe ich mir bewusst Zeit genommen, um in Ruhe die Katholikentagsmeile zu besuchen. Zuerst begann der Tag natürlich mit einem Gottesdienst. Meine Gruppe entschied sich für den Familiengottesdienst in der Propsteikirche St. Trinitatis. Da ich jetzt nicht unbedingt für die Messe im Freien war, war mir das recht. Im Moment bin ich in Münster ohnehin durch den außerordentlichen Ritus verwöhnt, insofern stellte ich auch keine allzu großen Ansprüche.
Die Kirche selbst hat zwar das ein oder andere interessante architektonische Detail, aber allzu imposant fand ich sie  jetzt nicht. Die Atmosphäre hat auf jeden Fall für ein Rosenkranzgebet ausgereicht. Die Messe hatte dann auch nur eine Stelle, die mich alles andere als begeisterte1, war aber im Großen und Ganzen ordentlich gefeiert, obwohl die für Fronleichnam typische Prozession fehlte.
Bis zum Nachmittag hatte ich keine Veranstaltung, sodass ein ungestörter Aufenthalt auf der Kirchenmeile möglich war. Von der ist mir wenig in Erinnerung geblieben. Lediglich die katholischen Orden stachen ein wenig hervor, da sich diese wirklich vorstellen wollten und eben nicht allgemeine Themen aufgriffen, wie es bei sämtlichen Bistümern der Fall war. Trotzdem konnte man dort sicherlich ein wenig schöne Zeit verbringen.
So blieb aber noch genug Zeit für etwas anderes. Anders, als ich es andernorts gelesen habe, wurde sehr wohl eine eucharistische Anbetung angeboten, und zwar von 12.00-20.30 Uhr in der Alojs-Andritzki-Kapelle. Zugegebenermaßen ist diese kleine Kapelle etwas abseits, aber immer noch sehr einfach von der Innenstadt aus zu erreichen. Die stillen Minuten in der Kapelle gehören für mich zu den schönsten Momenten des Katholikentages, unter anderem auch deswegen, weil meine Heimatgemeinde generell keine eucharistische Anbetung anbietet.
Erst nach einiger Zeit musste ich mich zu einem Vortrag zum Thema "Ignatianische Exerzitien - ein Weg zur Freiheit". In einem vollgepackten Raum konnte der mit dezent schweizerischem Akzent redende Jesuit einen wundervollen Überblick über die von Ignatius von Loyola entwickelte Form der Exerzitien geben. Dabei gab es einen Rundumschlag zum Leben des Heiligen und dazu, was diese Form der Selbsterkenntnis von anderen Formen unterscheidet, wodurch gerade der christliche Gehalt der kontemplativen Meditation herausgestellt wurde. Selbst die kleinsten Anmerkungen zu Bibelstellen sog man förmlich auf, um auch ja nichts zu verpassen.
Nach solch einer intensiven Veranstaltung war ich doch recht froh, den Abend nicht verplant zu haben.


1An dieser wurden auf Zettel Gebetsanliegen geschrieben. Daraufhin sollten diese zu Papierfliegern gefaltet und nach vorne zum Altar geworfen werden. Nette Idee - aber lasst so etwas bitte aus der Messe raus. Wobei ich eh für Familien- und Jugendgottesdienste einfach zu konservativ bin.

Sonntag, 5. Juni 2016

Zitat am Sonntag

"Die Mühe ist das Gute" - gegen diese Meinung hat Thomas von Aquin in der Summa theologica die These gesetzt: "Das Wesen der Tugend liegt mehr im Guten als im Schweren"; "nicht also muss alles, was schwerer ist, auch verdienstlicher sein, sondern es muss auf solche Weise schwerer sein, dass es zugleich auch auf höhere Weise gut ist". Das Mittelalter hat von der Tugend etwas gesagt, das uns Landsleuten Kants nur schwer eingeht: Sie setze uns in den Stand, unserer natürlichen Neigung - Herr zu werden? Nein, so würde Kant formulieren; und uns allen liegt dieser Gedanke nahe. Nein, Thomas sagt: die Tugend vervollkommne uns dahin, unserer natürlichen Neigung zu folgen, auf die rechte Weise. Ja, die höchsten Verwirklichungen des Sittlich-Guten seien dadurch gekennzeichnet, dass sie mühelos gelängen - weil es zu ihrem Wesen gehöre, aus der Liebe hervorzugehen. Aber selbst bis in den Begriff der Liebe hinein ist jene Überwertung der Mühe und des Schweren noch wirksam.
Josef Pieper, Muße und Kult S.68f